Neophyten mit anderen Augen sehen

Neophyten werden häufig als gefährlich und feindselig dargestellt. Doch nur die wenigsten Arten haben negative Folgen für unsere Ökosysteme. Diese Arten prägen nicht nur die Natur sondern auch Kulturlandschaften. Alternative Möglichkeiten, um mit dieser potentiellen Gefahr umzugehen, sind dementsprechend nicht ganz neu.

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Auch die Lupine wurde eingeschleppt

Das Wichtigste in Kürze

  • Neophyten sind Pflanzen, die nicht zur natürlichen Vegetation eines Lebensraums gehören. Sie werden durch den Menschen weltweit verschleppt, doch seit der Eiszeit breiten sich Pflanzen über ihre natürliche Verbreitungsgrenze aus.
  • Wenige Arten sind gefährlich für die heimische Pflanzenwelt. Solche Organismen werden als invasiv bezeichnet.
  • Einige Beispiele genießen wegen ihrer Ausbreitungsfreudigkeit eine große Aufmerksamkeit.
  • Mit alternativen Methoden kann der Einzelne die Ausbreitung solcher Arten stoppen. Viele Neu-Pflanzen sind essbar.

Was sind Neophyten?

Neophyten sind eine Unterkategorie der Neobiota. Diese Bezeichnung leitet sich von den griechischen Begriffen néos für “neu” und bíos für “Leben” ab. In der strengen Definition umfasst Neobiota alle Arten, die durch den Menschen in der Welt verbreitet wurden. Diese Lebewesen breiten sich in den fremden Gebieten aus, in denen sie vorher nicht als heimisch galten. Wenige Naturforscher sind der Meinung, dass auch andere Arten unter die Neobiota fallen, die sich ohne menschliches Zutun in fremden Gebieten ausbreiten.

Die Bezeichnung Neobiota umfasst:

  • Neophyten: neobiotische Pflanzen
  • Neozoen: neobiotische Tiere
  • Neomyceten: neobiotische Pilze

Ein Blick in die Geschichte

Sogenannte Neu-Pflanzen sind kein unbekanntes Phänomen. Es ist ein natürlicher Prozess, dass ständig neue Arten nach Mitteleuropa einwandern. Die gesamte Vegetation Mitteleuropas ist geprägt von Arten, die seit der Eiszeit eingewandert sind. Die Ökosysteme in Deutschland und Europa haben eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber neu eingewanderten Arten entwickelt.

Es gibt viele Nischenlebensräume, in denen gebietsfremde Arten einen Platz finden und neben heimischen Pflanzen gedeihen. Diese Entwicklung wird durch den Klimawandel gefördert, denn aufgrund der Erderwärmung breiten sich wärmeliebende Pflanzen und Tiere zunehmend in nördliche Regionen aus.

Neophyten in Deutschland vor und nach 1492

Während der Jungsteinzeit verschleppten die Menschen zahlreiche Ackerwildkräuter, als sie Getreide einfuhren. Heute stehen viele dieser Kräuter auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Diese Pflanzen, die durch Menschen in der Jungsteinzeit oder den Handel der Römer nach Europa kamen, werden als Archäophyten bezeichnet. Erst seit der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 durch Kolumbus nahm der weltweite Waren- und Personenverkehr und damit die Verschleppung von Pflanzen zu. Alle nach diesem Jahr eingeführten Gewächse werden als Neophyten bezeichnet.

Aktuelle Situation

Fast die Hälfte aller Neophyten, die sich in Deutschland etabliert haben, wurden beabsichtigt eingeführt. Von dieser Menge stellen 30 Prozent Zierpflanzen dar. Die übrigen 20 Prozent fallen auf land- und forstwirtschaftliche Nutzpflanzen wie Mais, Kartoffel und Tomate. Die andere Hälfte der Neu-Pflanzen wurde unbeabsichtigt eingeschleppt, zum Beispiel als nicht gewollte Beimischung im Saatgut.

Wann die Bekämpfung gebietsfremder Arten sinnvoll ist:

  • Restvorkommen bedrohter Arten werden verdrängt
  • bei Risiken von Hybridbildungen zwischen gebietsfremden und heimischen Arten
  • historische Authentizität der Arten einer Kulturlandschaft wird gefährdet

Invasive Neophyten in Deutschland

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Der Japanische Staudenknöterich ist eine in Deutschland eingeschleppte Pflanze

Nicht alle Organismen, die nicht zur heimischen Natur gehören, sind unerwünscht oder gefährlich. Es gibt wenige Neulinge, die sich in einem fremden Klima selbstständig etablieren und ausbreiten können. Die sogenannte Zehner-Regel besagt, dass sich lediglich zehn Prozent aller eingeschleppten Arten im neuen Lebensraum halten können. Die übrigen 90 Prozent verschwinden nach kurzer Zeit. Von den neuen Arten können sich weitere zehn Prozent etablieren und davon führen wiederum zehn Prozent zu negativen Auswirkungen. Diese Pflanzen werden als invasive Neophyten bezeichnet.

Mit etwa 0,2 Prozent ist der Anteil von invasiven Pflanzen – gemessen an allen Neophyten – verschwindend gering.

Definition

Während die Neobiotischen Arten lediglich in fremde Gebiete eingeschleppte Lebewesen umfassen, bezeichnet das Attribut “invasiv” solche Tiere, Pflanzen und Pilze, die sich in ihrem neuen Lebensraum fest etabliert haben. Von ihnen geht eine Gefahr für die heimische Flora und Fauna aus, denn sie nehmen einen starken Einfluss auf die Artenzusammensetzung und können Tiere oder Pflanzen verdrängen.

Exkurs

Welchen finanziellen Schaden verursachen Neophyten und Neozoen?

Grauhörnchen, Waschbär und Riesenbärenklau gelten in Deutschland als gebietsfremde Arten, die sich mittlerweile erfolgreich etabliert haben. Eine solche Ausbreitung nicht heimischer Arten kann auf Kosten der neuen Heimat gehen, wenn dadurch konkurrenzschwache Arten verdrängt werden und Lebensräume verloren gehen. Invasive Arten können eine große Bedrohung für die heimische Artenvielfalt sein und verursachen Schäden in ökonomischer Hinsicht. Laut einer Schätzung der EU-Kommission von 2018 sollen diese Lebewesen europaweit Schäden in Höhe von zwölf Milliarden Euro verursacht haben.

Warum sind invasive Neophyten konkurrenzstark?

Die Ansprüche dieser Pflanzen stimmen besonders gut mit den Bedingungen im neuen Lebensraum überein. Sie können dort eine bisher unbesetzte Lücke besetzen. Viele Neophyten haben in fremden Gebieten keine Fraßfeinde, wodurch ihrer Ausbreitung nichts im Weg steht. In Deutschland wachsen Neophyten vermehrt auf gestörten und nährstoffreichen Standorten wie Straßenränder und Ackerlandschaften. Dagegen werden Wälder oder Moore kaum von Neulingen besiedelt. Das deutet darauf hin, dass diese Pflanzen an nährstoffreiche Standorte angepasst sind und sich tolerant gegenüber Störungen zeigen.

Eigenschaften, die eine Ausbreitung unterstützen:

  • Pflanzen produzieren große Mengen an Samen
  • ihre vegetative Ausbreitungsfähigkeit ist sehr hoch
  • hohe Anpassungsfähigkeit an neue Umweltbedingungen

Neophyten: Beispiele für gebietsfremde Pflanzen

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Das schöne Drüsige Springkraut ist ein Meister im Samenwerfen

Die Liste der Neophyten in Deutschland umfasst gerundet 400 Pflanzen. Diese Neophyten-Liste enthält fest eingebürgerte Pflanzenarten, einige Unterarten und Varietäten sowie neue Arten, die durch Kreuzungen und vegetative Vermehrung entstanden sind. Die EU hat 2019 die Unionsliste herausgebracht, in der 66 invasive Tier- und Pflanzenarten gelistet sind. Von diesen Lebewesen gelten eine Handvoll Arten aufgrund ihrer Biologie als stark bedrohlich für die biologische Vielfalt.

 wissenschaftlichUrsprungProblem
HerkulesstaudeHeracleum mantegazzianumKaukasusbringt bis zu 10.000 Samen hervor
Japanischer StaudenknöterichFallopia japonicaOstasienexplosionsartige Ausbreitung über weitreichende Wurzelsprosse
Drüsiges SpringkrautImpatiens glanduliferaHimalayaschießt Samen bis zu sieben Meter weit
Kanadische GoldruteSolidago canadensisNordamerikabildet undurchdringliche Dickichte

Lupine (Lupinus polyphyllus)

Die ursprünglich aus Amerika stammende Art zeichnet sich durch eine lange Pfahlwurzel aus. Eine Pflanze entwickelt bis zu 60 Blüten. Diese entwickeln etwa 2.000 Samen, die über eine Entfernung von sechs Metern geschleudert werden können. An diesen Wurzeln sitzen Knöllchen-Bakterien, welche Luftstickstoff binden und diesen pflanzenverfügbar machen. Als Folge ihrer Ausbreitung werden Böden fruchtbarer, was nicht überall erwünscht ist. Die Lupine breitet sich auch auf mageren Böden aus und verdrängt Arten, die auf solche Standorte angewiesen sind.

Bedrohte Arten:

  • Arnika und Katzenpfötchen
  • Borstgras und Trollblume
  • Knabenkraut und Türkenbundlilie

Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia)

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Die Beifuß-Ambrosie ist Allergikern ein Dorn im Auge

In Bayern breitet sich das Beifußblättrige Traubenkraut zunehmend aus. Die Art konnte sich unbemerkt über Vogelfutter verbreiten und wächst hauptsächlich in Gärten unter Vogelfutterplätzen. Als Ruderalpflanze besiedelt die aus Nordamerika stammende Art gestörte Standorte und Straßenränder. Sie wächst an Bahndämmen, auf Schutthalden und Baustellen. Da der Pollen starke Allergien hervorrufen kann, hat das Bayerische Umweltministerium ein Aktionsprogramm für die Bekämpfung der Art entwickelt.

Robinie (Robinia pseudacacia)

Das Gehölz stammt aus Nordamerika und wird unter der Bezeichnung Silberregen in Alleen gepflanzt. Auf Schuttplätzen zeigen sich die besonderen Eigenschaften dieser Art: sie ist resistent gegenüber Streusalz und verträgt Emissionen. Aktuell hat die Robinie das größte Verdrängungspotential. Sie ist in der Lage, Luftstickstoff zu binden und im Boden anzureichern. Da sich das Gehölz auf Magerstandorten ausbreitet, sorgt sie für eine Überdüngung solcher Flächen. Geschützte und spezialisierte Arten werden aus diesen Lebensräumen verdrängt.

Das verursachen Robinien:

  • artenreiche Halbtrockenrasen werden beschattet
  • seltene Orchideen gehen verloren
  • auf Orchideen spezialisierte Insekten finden keine Nahrungsquellen
  • feuchte Böschungen werden durch Ausläufer gelockert und aufgeweicht
  • im Boden angereicherter Stickstoff wird in die Gewässer gespült

Muss der Einzelne etwas tun?

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So schön manche Neophyten auch sind, sie neigen zum Verdrängen einheimischer Arten

Es ist in erster Linie eine Sache des Naturschutzes, über Bekämpfungsmaßnahmen zu entscheiden. Noch herrschen große Lücken in Bezug auf die Invasivitätsbewertung. Viele Zusammenhänge innerhalb der Ausbreitung solcher Arten sind unbekannt. Der gute Wille einer Einzelperson kann schnell zu negativen Folgen führen. Durch Verwechslungen und Unachtsamkeiten können auch heimische und bedrohte Arten geschädigt werden. Jede Rodungsaktion bedeutet einen weiteren Eingriff, der brütende Vögel stören oder neuen Arten eine Eintrittspforte schaffen kann.

Tipps

Achten Sie darauf, dass Sie die Pflanzen in Ihrem Garten sorgfältig auswählen und nach Möglichkeit keine ausbreitungsfreudigen Pflanzen ausbringen.

Ausbreitung verhindern

Haben sich die Bestände bereits soweit ausgedehnt, dass eine vollständige Rodung unrealistisch erscheint, sollte eine weitere Ausbreitung kontrolliert werden. Sorgen Sie dafür, dass sich Lupinen und Goldruten nicht über Samen vermehren. Schneiden Sie die Blütenstände rechtzeitig ab, bevor es zur Samenbildung kommt. Gegen eine vegetative Ausbreitung hilft das kontinuierliche Entfernen neuer Sprosse.

Neophyten in der Küche nutzen

Viele Neophyten wie Kartoffel, Topinambur oder Tomate sind mittlerweile kaum mehr aus der Küche wegzudenken. Auch unter den nach 1492 eingebürgerten Pflanzen gibt es Kräuter, die essbar sind. Wenn die Arten den Lebensraum nicht bedrohen, ist eine flächendeckende Bekämpfung wenig sinnvoll. Vielmehr können Sie Samen, Blätter oder Triebe dieser Pflanzen ernten und deren Ausbreitung durch gezielte Sammelaktionen unter Kontrolle halten.

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Tipps

Schauen Sie sich Bilder von einheimischen und gebietsfremden Arten genau an, bevor Sie auf Sammeltour gehen. Viele Arten sehen sich zum Verwechseln ähnlich.

Japanischer Staudenknöterich

Die Pflanze gilt in China und Japan als Medizinkraut und wird für heilende Tees genutzt. Ihre jungen Sprosse ähneln im Geschmack den Blattstielen von Rhabarber. Sie lassen sich zu schmackhaften Dips und spritzigen Konfitüren verarbeiten. Wenn sie noch sehr jung sind, können die Triebe roh verzehrt werden.

Lupine

Die Samen der Lupine sind eine eher unbekannte Zutat für Speisen. Ihr Nährstoffgehalt ist mit dem verwandter Hülsenfrüchte wie Erbse und Sojabohne vergleichbar. Bevor die Samen verzehrt werden können, müssen die Bitterstoffe entzogen werden. In traditionellen Verfahren geschieht das durch eine 14-tägige Lagerung in Salzwasser. Anschließend werden die Samen mehrmals in frischem Wasser gekocht. Lupinensamen können als Erbsengemüse zubereitet oder in Salaten verwendet werden.

Häufig gestellte Fragen

Was sind Alien Species, Neophyten und Neozoen?

In Deutschland und den benachbarten deutschsprachigen Ländern werden Pflanzen üblicherweise als Neophyten, Tiere als Neozoen bezeichnet. Im englischen Sprachgebrauch ist eine Unterteilung in Pflanzen, Tiere und Pilze unüblich. Gebietsfremde Arten werden zusammengefasst als “alien species” bezeichnet. Haben die Arten einen verdrängenden Charakter, gelten sie als “invasive species”.

Wie gefährlich sind Neophyten?

Es gibt einige Arten, von denen gesundheitliche Gefahren für den Menschen ausgehen. Allerdings reagiert nicht jeder Mensch gleich. Sensible Personen und Allergiker sollten Vorsicht walten lassen. Der Riesenbärenklau produziert eine Substanz, welche bei Berührung den natürlichen Sonnenschutz der Haut zerstört. Unter normalem Sonnenlicht kann es zu schweren Verbrennungen und Blasenbildung kommen.

Die Beifuß-Ambrosie produziert bis in den November Milliarden kleinster Pollen, die in die Atemwege vordringen und Allergien auslösen. Das Schmalblättrige Greiskraut siedelt gerne auf Weiden und Feldern. Gelangen ihre giftigen Pflanzenteile in die Getreideernte, können sie beim Verzehr von Brot die Gesundheit beeinträchtigen.

Können Neophyten nützlich sein?

Neophyten spielen eine umso wichtigere Bedeutung, je naturferner ein Standort erscheint. Einige Pflanzen können sich aufgrund ihrer Standortansprüche durchaus besser als einheimische Pflanzen eignen, wenn es um die Besiedlung von stark beeinträchtigten Flächen geht. Für viele Tiere gelten Neophyten mittlerweile als wichtige Nahrungspflanzen:

  • Kupferfelsenbirne bietet Vögeln Nahrung
  • spätblühender Riesenbärenklau liefert Bienen Nahrung, wenn kaum andere Pflanzen blühen
  • Drüsiges Springkraut gehört im August zu den meistbesuchten Blütenpflanzen unter Hummeln
  • Rosskastanienminiermotte ist eine wichtige Nahrungsquelle für Meisen während der Jungenaufzucht

Wieso breiten sich Neophyten so stark aus?

Pflanzen leben in einer sich ständig wandelnden Welt, in der auch die Lebensbedingungen kontinuierlich schwanken. Das führt dazu, dass schlecht angepasste Arten verdrängt werden und besser angepasste Lebewesen eine neue Nische finden. Solche Prozesse finden auch unabhängig von menschlichen Eingriffen statt. Doch viele Arten finden ohne den Transport durch den Menschen keinen Zugang zu diesen Lebensräumen.

Müssen Neophyten bekämpft werden?

Es bedarf einer kritischen Betrachtung, ob eine Art tatsächlich wieder ausgerottet werden muss. Eine solche Maßnahme stellt einen weiteren menschlichen Eingriff dar, der wiederum neuen unerwünschten Arten eine Eintrittspforte ermöglichen kann. Erst durch den Menschen entstehen Standorte, an denen hoch spezialisierte und bedrohte Arten der Heimat keine Lebensgrundlage finden. Gelangt eine nicht heimische Art zufällig auf diesen Standort, kann sie ihren Wachstumsvorteil ausspielen. Alternative Maßnahmen wie Kontrolle oder Nutzung erscheinen in modernen Naturschutzkonzepten sinnvoller.

Text: Christine Riel

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