Können Libellen stechen?

Hartnäckig kursiert das Gerücht, Libellen könnten stechen und beißen. Bezeichnungen, wie "Teufelsnadel" und "Pferdetod" machen die Runde. Das sorgt für Verunsicherung im Familiengarten und unterwegs, wenn sich die Wege mit Libellen kreuzen. Dieser Ratgeber lüftet den Schleier aus Irrtümern, der harmlose Libellen umgibt.

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Libellen können weder stechen noch beißen

Das Wichtigste in Kürze

  • Libellen stechen nicht. Weibchen setzen ihren stumpfen Legebohrer niemals als Wehrstachel ein.
  • Libellen beißen nicht. In höchster Not geöffnetes Mundwerkzeug verursacht schlimmstenfalls leichtes Zwicken.
  • Libellen sind nicht giftig, weil sie keine Giftdrüsen besitzen.

Libellen stechen nicht

Libellen sind Insekten der Superlative, mit atemberaubenden Fähigkeiten. Stechen gehört nicht dazu. In der Tat ist am Ende des Hinterleibes ein imposanter Stachel zu erkennen. Wer sich nicht auskennt, den versetzt dieser Anblick in Angst und Schrecken. Schon unsere Vorfahren waren überzeugt davon, dass so große Stachel viel gefährlicher sein müssen, als kleine Wespen- oder Bienenstachel. Höchste Zeit, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen. Folgende Tabelle bringt auf den Punkt, warum Libellen im Vergleich zu anderen Insekten nicht stechen:

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 LibellenWespenBienenHummeln
Stachel-Formstumpfspitzspitzspitz
Stachel-FunktionLegebohrerWehrstachelWehrstachelWehrstachel
mit Giftdrüseneinjajaja

Eine Verkettung unglücklicher Fehlannahmen trug der Libelle den Zweitnamen „Teufelsnadel“ ein. Jedermann ist bekannt, dass ein Wespenstich sehr schmerzhaft sein kann. Einen Bienen- oder Hummelstich begleiten ebenfalls tagelange Beschwerden. Riesigen Libellen mit unübersehbarem Stachel wird der Stempel gefährlicher Monster-Insekten aufgedrückt. Die Realität vermittelt uns ein vollkommen anderes Bild.

Pazifisten mit Legebohrer

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Was aussieht wie ein Stachel ist in Wirklichkeit ein Legewerkzeug

Der Stachel am Ende des segmentierten Abdomens einiger heimischer Libellen-Arten dient ausschließlich der Eiablage. Fernerhin ist dieser Pseudo-Stachel stumpf, sodass von einer Nadel nicht die Rede sein kann. Die korrekte Bezeichnung lautet Legebohrer. Es handelt sich um ein Werkzeug zur Fortpflanzung, indem befruchtete Eier in weiches Substrat im oder am Wasser platziert werden. Diese Aufgabe fällt den Weibchen zu, sodass männliche Libellen ohne Legebohrer geboren werden.

Ein stumpfer Legebohrer kann menschliche Haut nicht durchdringen, selbst wenn die Libelle es wollte. Allerdings liegt dem schillernd bunten Hubschrauber eine derartige Absicht fern. Desgleichen trachten die gutmütigen Insekten keinesfalls Pferden nach dem Leben. Die Bezeichnung „Pferdetod“ gehört folglich ins Land der Fabeln. Libellen zählen zu den Pazifisten im Insektenreich, geprägt durch ein freundliches und scheues Gemüt.

In grauer Vorzeit besaßen Wespen, Bienen und Hummeln ebenfalls einen stumpfen Legebohrer. Allerdings hatte die Evolution mit dem Fortpflanzungswerkzeug dieser Insektenkategorie andere Pläne. Im Verlauf der Entwicklung verwandelte sich der Legebohrer in einen spitzen, giftigen Wehrstachel. Aus diesem Grunde besitzen ausschließlich Königinnen und Arbeiterinnen im Bienenvolk einen Stachel, den unvorsichtige Menschen gelegentlich zu spüren bekommen. Männchen haben das Nachsehen. Drohen verfügten ehemals über keinen Legebohrer und können heute nicht mit einem Wehrstachel prahlen.

Exkurs

Rüttelflug ist kein Angriff

Libellen sind waghalsige Luftakrobaten. Ausgerechnet ihre beeindruckenden Flugkünste sind Ursprung eines weit verbreiteten Irrtums. Einige Libellenarten erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 50 km/h und können aus vollem Flug schlagartig abbremsen. Rüttelnd verharren die Insekten in der Luft, um mit ihren furiosen Facettenaugen die Umgebung zu betrachten. Auf diese Flugtechnik greifen schaulustige Libellen gerne zurück, um einen menschlichen Revier-Besucher aus der Nähe zu inspizieren. Leider wird der geniale Rüttelflug von vielen Menschen als Angriff missverstanden, gefolgt von fatalen Gegenreaktionen zum Leidwesen der neugierigen Libellen.

Libellen beißen nicht

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Libellen nutzen ihre scharfen Mundwerkzeuge zum Knacken von Chitinpanzern, Menschen können sie nicht beißen

Mit ihrem kräftigen Mundwerkzeug können Libellen nahezu jeden Insektenpanzer knacken. In der Tat sitzen im Oberkiefer spitze Zähne mit scharfen Schneiden, die jedes Beutetier mühelos zermahlen. Diese soliden Kiefer sind die Quelle des Mythos von aggressiven Libellen, die schlecht gelaunt nach Menschen Ausschau halten, um sie zu beißen. Richtig ist: Libellen beißen nicht. Warum das so ist, erklären folgende Zusammenhänge:

  • Menschliche Haut ist zu dick für ernsthafte Verletzungen durch Libellen-Zähnchen
  • Mundwerkzeuge dienen primär der Nahrungsaufnahme
  • Nur in höchster Not verwenden Libellen ihren Kiefer zur Verteidigung

Aus Sicht ihrer Facettenaugen sind Menschen für Libellen keine Feinde und erst recht keine Beute. Der Mund bleibt folglich fest verschlossen, selbst wenn sich eine müde Libelle zum Ausruhen auf Arm, Hand oder Bein niederlässt. Wer das harmlose Naturjuwel allerdings drückt oder quetscht, darf sich über einen Biss nicht wundern. Ernsthafte Folgen, wie nach einem Spinnenbiss, sind nicht zu befürchten. Vielmehr nehmen Betroffene ein leichtes Zwicken wahr, bevor sich die vom Menschen schwer enttäuschte Libelle in die Luft erhebt.

Tipps

Einen faszinierenden Streifzug durch das Leben von Libellen bietet der Film „Könige für einen Sommer“ von Libellen.tv. Drei Jahre lang begleiteten die Insektenfreunde das Werden und Vergehen im Libellenreich. Erhältlich ist der Film als DVD, Blue Ray und DVD-9 zum Preis von 15,95 Euro. Ein spannendes Vergnügen für die ganze Familie.

Libellen sind nicht giftig

Gift ist für Libellen ein Fremdwort. Die malerischen Schönheiten besitzen keine Giftdrüsen am Legebohrer, was ohnehin kontraproduktiv wäre in unmittelbarer Nähe zu wertvollen Insekteneiern. Fernerhin injizieren Libellen keine toxischen Stoffe mit ihrem Mundwerkzeug. Direkter Kontakt mit dem schillernden Körper birgt für Menschen und Haustiere keine Gefahren.

Tipps für den Libellen-freundlichen Garten

Hat sich der Schleier aus Irrtümern und falschen Verdächtigungen gehoben, kommt ein unschätzbares Naturjuwel zum Vorschein. Im Naturgarten leisten Libellen einen kostenlosen Beitrag zur ökologischen Schädlingsbekämpfung. Die geruhsame Kaffeetafel ohne lästige Mücken und Fliegen ist emsigen Libellen im Garten zu verdanken. Fesselnde Schauspiele bieten die farbenfrohen Insekten mit romantischen Hochzeitstänzen und packenden Revierkämpfen. Gute Gründe für einen Garten, der Libellen zum Verweilen einlädt. Diese Komponenten gehören dazu:

  • sauberes Wasser: stehendes oder fließendes Gewässer ohne künstliche Zusätze, wie Chlor
  • üppige Bepflanzung: abwechslungsreiche Pflanzenarten am Ufer und auf der Wasserfläche
  • freie Teichflächen: ausgewogene Kombination aus freien und begrünten Teichflächen
  • ausreichende Wassertiefe: eine Wasserzone mit mindestens 80 cm Tiefe im Gartenteich
  • keine Pestizide: konsequenter Verzicht auf Insektizide, Fungizide, Herbizide und chemischen Kunstdünger

Im Grunde genommen sind Libellen glücklich über jede Variante von Wasser im Garten mit natürlichen Rahmenbedingungen und dichter Uferbepflanzung. Die meisten Libellenweibchen legen ihre Eier im Wasser ab. Nach einer Entwicklungszeit von drei Monaten bis fünf Jahren verlassen die ausgewachsenen Larven den Teich, um auf Stängeln und Blättern in Ufernähe zu schlüpfen.

Häufig gestellte Fragen

Können Libellen Katzen stechen?

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Katzen können der Libelle gefährlich werden, nicht andersherum

Libellen besitzen keinen Wehrstachel. Was am Ende vom Hinterleib anmutet als Giftstachel, ist in Wahrheit ein stumpfer Legebohrer. Aus diesem Grunde können harmlose Libellen weder Katzen, noch Hunde oder gar Menschen stechen. Umgekehrt sieht der Sachverhalt anders aus. Wenn eine fliegende oder rüttelnde Libelle den Jagdinstinkt einer Katze weckt, geht das für die Libelle nicht gut aus.

Wie lange leben Libellen?

Den größten Teil ihres Lebens verbringen Libellen als Larven im Wasser. Diese Phase erstreckt sich in Mitteleuropa von drei Monaten, wie die Frühe Heidelibelle (Sympetrum fonscolombii) bis zu fünf Jahren, wie die Gattung der Quelljungfern (Cordulegaster). Als ausgewachsene Libellen leben die Insekten durchschnittlich sechs bis acht Wochen. Die Methusalems unter den europäischen Arten sind die Winterlibellen (Sympecma) mit einer Lebensdauer von zehn bis elf Monaten als erwachsene Tiere. Allerdings verharren Winterlibellen zwischen vier und sechs Monate ihres Lebens in Kältestarre.

Wo kann man Libellen beobachten?

In der Nähe von stehenden oder langsam fließenden Gewässern bestehen beste Aussichten, um Libellen in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Einige Großlibellen, wie die wunderbare Blaugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea) hält sich auch gerne abseits von Gewässern auf, wie in dicht begrünten Wohngebieten oder Schrebergarten-Kolonien. Für die meisten europäischen Arten sind Biotope, Seen und Teiche mit üppiger Uferbepflanzung die beliebtesten Habitate.

Stimmt es, dass sieben Libellenstiche einen Menschen oder ein Pferd töten können?

Diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage und stammt aus einer Zeit, als die Menschen noch an Hexen und Zauberer glaubten. Tatsache ist, dass Libellen nicht stechen, weil sie keinen Wehrstachel haben. Am Ende ihres langen, schlanken Körpers sitzt ein stumpfer Legebohrer, der einzig der Platzierung von Eiern dient. Fernerhin denken friedliche, freundliche Libellen im Traum nicht daran, Menschen, Pferde oder andere Warmblüter zu stechen.

Im Garten sitzt oft eine Libelle mit herabhängenden Flügeln und ausgestrecktem Hinterleib. Will die Libelle mich stechen?

Nein, Sie beschreiben eine spezielle Stellung, die Libellen zum Aufwärmen einnehmen. Als wechselwarme Insekten müssen Libellen zuerst warme Sonnenstrahlen tanken, um überhaupt aktiv zu sein. Zu diesem Zweck richten sie ihren Hinterleib in Richtung Sonne und senken die Flügel. Es handelt sich somit nicht um eine Drohgebärde, denn Libellen sind friedfertige Gesellen und können nicht stechen.

Darf man Libellen fangen?

Alle Libellenarten stehen unter Naturschutz und dürfen nicht gefangen werden. Von 80 europäischen Arten sind zwei Drittel stark gefährdet und 20 Prozent vom Aussterben bedroht. In den letzten 60 Jahren sind bereits zwei unersetzliche Libellen-Arten für immer verschwunden. Um auf die bedrohliche Lage dieser wunderschönen Insekten aufmerksam zu machen, ernennen Deutscher Naturschutzbund (NABU) und die Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen (GdO) alljährlich eine Libelle des Jahres.

Tipps

Schon im zarten Larvenalter machen Libellen Jagd auf lästige Insekten und Raupen aller Art. Als Lauerjäger lassen sich Libellenlarven auf der Wasseroberfläche treiben und halten Ausschau nach Mückenlarven, Wasserflöhen und anderen Beutetieren. Potenzielle Opfer werden mit einer Fangmaske erbeutet und verspeist.

Text: Paula Jansen
Artikelbilder: Costea Andrea M/Shutterstock, ANAN SUPHAP/Shutterstock, AlinM/Shutterstock

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