Erdorchidee: Pflegen und Sorten

Knabenkraut, Frauenschuh oder Stendelwurz: Orchideen mit zauberhaften Blüten müssen nicht unbedingt aus fernen Ländern stammen. Stattdessen bereichern einheimische Erdorchideen die Gartenvielfalt, zudem leisten Sie als Gärtner mit der Kultur dieser seltenen Pflanzen einen wichtigen Beitrag zur Arterhaltung. Rund 60 verschiedene Arten gibt es hierzulande, die im Gegensatz zu ihrer tropischen Verwandtschaft am liebsten in der Erde wachsen.

erdorchidee
Die Dactylorhiza incarnata ist eine bei uns heimische Erdorchidee

Herkunft und Verbreitung

Unter dem Begriff „Erdorchidee“ versteht der Botaniker keineswegs eine genau definierte Gattung, sondern schlicht terrestrisch oder halbepiphytisch wachsende Orchideenarten. Erdorchideen sind auf allen fünf Kontinenten zu finden, wo sie die unterschiedlichsten Lebensräume besiedeln. Obgleich der größte Teil in den Tropen und Subtropen beheimatet ist, sind auch in den gemäßigten und mediterran geprägten Klimazonen zahlreiche Arten heimisch – allein in Deutschland wachsen etwa 60 verschiedene Erdorchideenarten, die jedoch vom Aussterben bedroht sind und daher unter strengem Naturschutz stehen.

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Vorkommen

Erdorchideen besiedeln verschiedene Lebensräume. Viele Arten sind in Sümpfen und Mooren heimisch, andere gedeihen in Laub- und Mischwäldern, in Savannen, Steppen und anderem Ödland. Ihnen allen ist allerdings gemein, dass sie ausschließlich ursprünglich gebliebene Lebensräume besiedeln und deshalb niemals in Regionen mit einer intensiv betriebenen Landwirtschaft zu finden sind. Manche Arten gedeihen zudem als eine Art Kulturfolger, indem sie aufgelassene Nischen – beispielsweise verlassene Weinberge, Kiesgruben etc. – nutzen. Viele Erdorchideen können jedoch nur dort wachsen, wo sie eine Symbiose mit spezifischen Pilzen eingehen können – auf diese sind die vornehmlich in sehr kargen Böden zu findenden Pflanzen zur eigenen Nährstoffversorgung angewiesen.

Lebenszyklus

Mit Ausnahme der tropischen Arten folgen die aus den kühlen und gemäßigten Klimazonen stammenden Erdorchideen bestimmten Lebensrhythmen, die auch bei der Kultur im heimischen Garten eingehalten werden müssen. Auf der Fensterbank sind diese Arten aufgrund ihrer sehr speziellen Bedürfnisse hingegen für den Laien nur sehr schwer zu kultivieren. Daher empfiehlt sich die Kultur im Gartenbeet, wofür sich beispielsweise die Nachzuchten einheimischer Arten wunderbar anbieten. Diese wachsen ab März / April, zeigen – je nach Art – ihre Blüten zwischen April und Juli und verschwinden dann rechtzeitig vor dem Wintereinbruch wieder in ihren zumeist unterirdisch angelegten Speichersystemen, den Rhizomen oder Knollen.

Artenschutz

In Folge der intensiv betriebenen Landwirtschaft sowie der wachsenden Urbanisierung wurde der Bestand der einheimischen Orchideenarten derart reduziert, dass sie in der freien Natur nur noch selten zu finden sind. Deshalb unterliegen heute alle Orchideenarten – nicht nur die in Deutschland heimischen, auch die tropischen – dem Washingtoner Artenschutz-Abkommen. Daher ist das Ausgraben oder Pflücken von in der freien Natur wachsenden Pflanzen streng verboten und wird mit hohen Geldbußen bestraft.

Eine Kultur der bedrohten Erdorchideen im Garten leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung dieser faszinierenden Pflanzen. Allerdings ist der Handel mit Erdorchideen im gesamten europäischen Raum verboten. Lediglich Pflanzen aus künstlichen Nachzuchten dürfen gehandelt werden. Vertrauenswürdige Händler können Ihnen immer eine CITES-Bescheinigung („The Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora“) vorlegen, in der das Herkunftsland sowie der Nachweis einer künstlichen Nachzucht vermerkt sind. Auf dem Markt tummeln sich leider viele schwarze Schafe, die illegalen Handel mit den seltenen Pflanzen betreiben.

Aussehen und Wuchs

Die meisten einheimischen Orchideenarten erreichen Wuchshöhen von maximal 15 Zentimetern und entwickeln entsprechend kleine, jedoch orchideentypische Blüten. Deren Schönheit fällt im Gegensatz zu der angeberischen Pracht exotischer Arten nicht gleich ins Auge, mit einer Ausnahme: Frauenschuh-Orchideen (bot. Cypripedium-Hybriden) bilden oftmals hoch aufragende Blütentriebe mit Blütentrauben aus, die bis zu zwölf Einzelblüten umfassen können. Manche Frauenschuh-Arten entwickeln hingegen große Einzelblüten.

Auch wenn sich die zahlreichen Arten in ihren Wuchsformen und der Ausbildung ihrer Blüten teils stark voneinander unterscheiden, einige Gemeinsamkeiten besitzen sie alle:

  • die spezielle Form und der charakteristische Aufbau der Blüten
  • Es handelt sich um ausdauernde Pflanzen, die grundsätzlich unbegrenzt weiter wachsen können.
  • Es sind immer unter- oder oberirdisch verlaufende Speicherorgane, meist Rhizome oder Knollen, vorhanden.
  • Orchideensamen sind in der Regel nicht ohne Symbiosepilze keimfähig.
  • Orchideen besitzen keine Pfahlwurzeln, stattdessen entspringen die sekundären Wurzeln immer dem Spross.

Blüten

Erdorchideen bilden sehr vielfältige Blüten aus. Wenige Arten entwickeln Einzelblüten, bei den meisten finden sich die Blüten gruppiert in traubigen oder walzenförmigen Blütenständen. Wie die Pflanzen selbst, sind auch die Blüten der meisten Erdorchideenarten eher unscheinbar und klein. Manche Varietäten jedoch entwickeln äußerst attraktive Formen und Farben, was in vielen Fällen einer raffinierten Überlebensstrategie zu verdanken ist: Sie bilden ausgeklügelte Fallen für Insekten aus, die die Orchideenblüten bestäuben sollen.

Standort und Boden

Welchen Standort und welchen Untergrund Erdorchideen bevorzugen, hängt stark von den ausgewählten Arten ab. Grundsätzlich werden diese in drei Gruppen unterteilt, die sich jeweils an anderen Gartenstandorten wohlfühlen.

Magerwiesen, Magerrasen

Trockene, nährstoffarme Weiden und Wiesen sind der ideale Nährboden für viele seltene Pflanzen, zumindest dann, wenn sie nicht intensiv genutzt werden. Hier fühlen sich die verschiedenen Ragwurz-Arten (Ophrys) genauso wohl wie die Pyramiden-Hundswurz (Anacamptis pyramidalis) oder die Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum). Hier wachsende Erdorchideen brauchen auch im Garten einen mageren, trockenen Untergrund und sehr viel Licht.

Wälder

In naturnahen, wenig bewirtschafteten Laub- und Mischwäldern gedeihen Erdorchideen mit einem geringen Lichtbedarf. Hier sind verschiedene Stendelwurz-Arten (Epipactis) sowie so entzückende Arten wie etwa das Langblättrige Waldvöglein (Cephalanthera longifolia) zu finden, die zumeist direkt am Weges- oder Waldrand wachsen. Sollen diese Erdorchideen im Garten kultiviert werden, so empfehlen sich lichte, halbschattige Standorte mit humoser Erde.

Moore und Sümpfe

Die meisten in Gärten kultivierten Erdorchideen brauchen jedoch einen feuchten Untergrund mit saurem Boden, denn sie sind auf Feuchtwiesen oder in Mooren beheimatet. Hier gedeihen verschiedene Knabenkraut-Arten (Dactylorhiza) sowie der Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris). Ideal ist das Anlegen und Bepflanzen eines speziellen Moorbeetes, vor allem in der Nähe des Gartenteichs oder eines (künstlich angelegten) Bachlaufs.

Erdorchidee gießen

Die meisten Erdorchideen mögen gern in konstant leicht feuchter Erde stehen. Vor allem während warmer und trockener Witterung sollten Sie täglich per Fingerprobe überprüfen, ob die Erdoberfläche abgetrocknet ist. Sofern dies der Fall ist, gießen Sie die Orchideen mit weichem und handwarmem Wasser. Verwenden Sie kein Leitungswasser, denn wie alle Orchideen vertragen auch die heimischen Erdorchideen keinen Kalk und würden über kurz oder lang eingehen. Am besten eignet sich aufgefangenes Regenwasser. Zudem sollten Sie niemals über Blätter und Blüten, sondern immer nur auf die Wurzelscheibe gießen. Sofern dies nicht bei bestimmten Arten so angegeben ist, sollte Staunässe vermieden werden.

Erdorchidee richtig düngen

In den Garten ausgepflanzte Erdorchideen benötigen keinen zusätzlichen Dünger, sofern sie problemlos blühen. Das Ausbleiben einer Blüte kann (muss aber nicht, es gibt auch andere Ursachen) auf eine mangelnde Nährstoffversorgung zurückzuführen sein. Ihre Erdorchideen profitieren von einer Düngung mit selbst angesetzter und an Kalium reicher Beinwelljauche, die Blüte sowie Wuchs fördert und Abwehrkräfte sowie Winterhärte der Pflanzen stärkt. Bringen Sie den Sud im Spätsommer / Frühherbst aus, damit die Nährstoffe von den unterirdischen Speicherorganen aufgenommen werden können. Anschließend mulchen Sie den Pflanzbereich mit Laubkompost.

Erdorchidee richtig schneiden

Orchideen sollten möglichst nicht zurückgeschnitten werden, da ihr Nährstoffhaushalt wesentlich davon abhängt. Die Pflanzen ziehen am Ende der Wachstums- und Blütephase sämtliche verbliebenen Nährstoffe aus den Blättern und Trieben und speichern diese in ihren Rhizomen. Im Frühjahr erfolgt eine Freisetzung der gespeicherten Energie, indem die Orchideen erneut austreibt. Konnten die Rhizome hingegen nicht genug einspeichern, fehlt schließlich die Kraft für neue Triebe. Deshalb sollten Sie verwelkte Blüten und Triebe niemals abschneiden. Warten Sie stattdessen, bis diese sich leicht abzupfen lassen – das ist das Zeichen, dass die Pflanze diese Teile freigibt. Dasselbe gilt für den Hauptschaft, den Sie erst nach seinem vollständigen Absterben im Herbst knapp über dem Boden abschneiden.
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Erdorchidee vermehren

Zwar bilden Erdorchideen nach der Blüte Früchte mit zahlreichen Samen aus, doch ist die Samenvermehrung für den Laien zu kompliziert. Orchideensamen sind nur unter zuhilfenahme bestimmter Symbiosepilze keimfähig, mit denen die Pflanzen die so genannte Mykorrhiza eingehen. Alternativ werden Orchideenarten wie beispielsweise der Frauenschuh in vitro vermehrt, was jedoch nur unter bestimmten Laborbedingungen möglich ist.

Vermehrung durch Teilung

Stattdessen kann der Orchideenfreund viele Erdorchideenarten durch Teilung oder durch das Abtrennen von Brutzwiebeln relativ unkompliziert selbst vermehren:

  • Frauenschuh ausgraben und Horst durch vorsichtiges Hin- und Herbiegen in mehrere Teilstücke teilen.
  • Stendelwurz ausgraben und Rhizome mit einem scharfen Messer in fünf bis zehn Zentimeter lange Teilstücke schneiden.
  • Knabenkräuter ausgraben und die Knollen mit einem scharfen Messer halbieren.

Jedes neue Teilstück muss mindestens zwei bis drei Augen besitzen, sonst kann es am neuen Standort nicht mehr austreiben. Teilen Sie nur adulte, gut verwurzelte Erdorchideen und keinesfalls junge Pflanzen in den ersten Standjahren – diese würden die Prozedur nicht überleben. Der beste Zeitpunkt für eine Teilung ist das zeitige Frühjahr, wenn die winterliche Ruhe sich allmählich dem Ende zuneigt und neue Triebe noch nicht sichtbar sind. Alternativ können Sie diese Form der Vermehrung auch zum Ende der Blütezeit vornehmen.

Vermehrung über Brutzwiebeln

Manche Erdorchideen wie beispielsweise die Pleione-Orchideen können nicht geteilt werden. Stattdessen bringen diese Arten einjährige Pseudobulben hervor, die als Brutzwiebeln genutzt werden können. Schneiden Sie diese nach der Blütezeit mit einem scharfen und sauberen Messer ab und setzen Sie sie in einem mit Tongranulat und desinfizierter Gartenerde gefüllten Topf. Die Jungpflanzen sollten zwei Jahre lang in einem Pflanzgefäß kultiviert und erst danach ausgepflanzt werden.
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Tipps

Einheimische Erdorchideen wie beispielsweise die beliebten Knabenkräuter sind in der Regel ausreichend winterhart. Allerdings sind junge Pflanzen hinsichtlich Frost deutlich empfindlicher als ältere Exemplare, weshalb Sie diese nach dem herbstlichen Rückschnitt dick mit Tannen- oder Fichtenreisig oder (Buchen-)Laub bedecken und so vor winterlichem Unbill schützen.

Arten und Sorten

Für den Garten eignen sich eine Vielzahl heimischer Arten, aber auch einige Erdorchideen aus dem Mittelmeerraum oder ähnlichen Klimaregionen fühlen sich in unseren Gärten wohl.

Heimische Erdorchideen für den Garten

  • Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera): markant gemusterte, auffällige Blütenlippen, bis zu 50 Zentimeter hoch, für trockene, magere Wiesen mit kalkreichem Untergrund
  • Blattloser Widerbart (Epipogium aphyllum): cremeweiße Blüten, bis zu 30 Zentimeter hoch, in schattigen Wäldern mit dicker Humusschicht
  • Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum): bis zu 100 Zentimeter hoch, bis zu 100 Einzelblüten, auf kalkreichen, sonnigen Magerrasen
  • Braunrote Stendelwurz (Epipactis atrorubens): Wuchshöhe bis 80 Zentimeter, zarter Vanilleduft, violette Blüten, vornehmlich auf trockenen und kalkhaltigen Böden
  • Fleischfarbenes Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata): 10 bis 12 Zentimeter große, violette Blüten, auf Feuchtwiesen
  • Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera): bis 40 Zentimeter hoch, charakteristische, braune Blüten, auf Mager- und Trockenrasen, in Kiefernwäldern
  • Helm-Knabenkraut (Orchis militaris): bis 50 Zentimeter hoch, zahlreiche hellviolette Blüten, magere und trockene Wiesen, Kiefernwälder
  • Männliches Knabenkraut (Orchis mascula): bis 70 Zentimeter hoch, violetten Blüten, auf mageren Wiesen und in schattigen Wäldern
  • Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea): bis 80 Zentimeter hoch, hellviolette Blüten, auf Magerwiesen, in Mooren und Feuchtgebieten
  • Pyramiden-Hundswurz (Anacamptis pyramidalis): bis 40 Zentimeter hoch, leuchtend pinkfarbene oder weiße Blüten in charakteristischer Form, kalkreiche Magerrasen oder lichte Wälder
  • Zweiblättrige Waldhyazinthe (Platanthera bifolia): bis 50 Zentimeter hoch, zarte, weiße Blüten, verströmt vanilleähnlichen Duft, in Laubmischwäldern
Text: Ines Jachomowski
Artikelbild: Iva Vagnerova/Shutterstock

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